Projekte scheitern selten an der Technik und fast nie an fehlendem Einsatz. In der Praxis lassen sich die meisten Fälle auf vier Ursachen zurückführen: Die Projektziele sind nicht klar, das Vorgehensmodell passt nicht zum Projekt, die Schieflage fällt zu spät auf, und die Projektleitung hat keine Zeit für ihre eigentliche Aufgabe. Selten tritt eine davon allein auf, meist verstärken sie sich gegenseitig.
1. Die Projektziele sind nicht klar
Das ist die Ursache, aus der die meisten anderen folgen. Wenn niemand präzise sagen kann, wozu das Projekt gemacht wird und woran am Ende der Erfolg gemessen wird, fehlt die Grundlage für jede weitere Entscheidung: Der Umfang lässt sich nicht abgrenzen, Prioritäten lassen sich nicht begründen, und das Team kann kein gemeinsames Lösungsbild entwickeln.
Die wichtigste Frage zu Projektbeginn lautet deshalb nicht „was bauen wir?", sondern „wozu wird es gemacht?" Was soll erreicht werden, welchen Nutzen erwartet die Auftraggeberin oder der Auftraggeber, und woran wird das erkennbar sein? Diese Antwort muss der Projektleitung und dem Projektteam klar sein, nicht nur der Auftraggeberseite.
Woran du es erkennst: Zwei Beteiligte beschreiben das Projektziel unterschiedlich, ohne dass es jemandem auffällt. Oder Diskussionen über den Umfang enden ohne Entscheidung, weil es kein Kriterium gibt, an dem sich „gehört dazu" und „gehört nicht dazu" festmachen lässt.
Was hilft: Ziele und Rahmen einmal transparent dokumentieren, statt sie mündlich vorauszusetzen. Ein Projektcanvas macht Ziel, Nutzen, Beteiligte und Abgrenzung auf einer Seite sichtbar. Wo die Richtung noch unscharf ist, hilft eine Projektvision, bevor über Umsetzung gesprochen wird.
2. Das Vorgehensmodell passt nicht zum Projekt
Agiles Projektmanagement, Scrum, Kanban, Lean Startup, Wasserfall, V-Modell, hybrides Projektmanagement, Design Thinking: Jedes dieser Modelle funktioniert – in seinem Kontext. Der Fehler liegt selten im Modell, sondern in der Zuordnung.
Die Entscheidung hängt vor allem daran, wie klar Anforderungen und Lösungsweg zu Beginn sind. Sind beide bekannt, ist ein planbasiertes Vorgehen effizienter. Ist offen, was gebraucht wird oder wie es gebaut wird, braucht es ein Vorgehen, das Lernen einplant. Genau diese Zuordnung leistet die Stacey-Matrix, die wir im Beitrag Wann welche Projektmanagement Methode ausführlich erklären.
Zwei Dinge werden dabei regelmäßig übersehen. Erstens: Agilität ist kein Allheilmittel. Bei fixen Anforderungen, gesetzlichen Vorgaben oder linearen Lieferketten führt sie zu Aufwand ohne Nutzen. Zweitens: Ein einmal gewähltes Modell ist keine Festlegung für die Projektlaufzeit. Wenn sich der Charakter des Projekts ändert, darf – und sollte – das Vorgehen nachgezogen werden.
Im folgenden Video gehe ich die Entscheidungshilfe Schritt für Schritt durch und zeige im zweiten Teil, wie ein Projektstart aufgesetzt wird, der trägt:
Für den Projektstart sind darin zwei Bausteine enthalten: die Project-Flow-Darstellung und die Project Inception zur formalen Projektbeschreibung. In diesem Zusammenhang ist auch der größte Hebel effektiver Projekte interessant.
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3. Die Schieflage fällt zu spät auf
Projekte kippen selten von einem Tag auf den anderen. Sie geraten schrittweise in Schieflage – und der Zeitpunkt, an dem das noch günstig zu korrigieren gewesen wäre, liegt fast immer deutlich vor dem Zeitpunkt, an dem es jemand bemerkt.
Der Grund ist meist nicht Nachlässigkeit, sondern fehlende Sicht: Unternehmensführung und Projektleitung haben kein verlässliches Bild vom Gesundheitszustand des Projekts. Dazu gehören Budget, Zeit und Umfang – aber genauso Stimmung und Motivation im Team, weil sie früher ausschlagen als jede Zahl.
Woran du es erkennst: Statusmeldungen bleiben über Wochen auf „grün" und springen dann direkt auf „rot". Oder die Antwort auf „wo stehen wir?" dauert mehrere Tage, weil sie erst zusammengetragen werden muss.
Was hilft: Eine Struktur, die den Fortschritt sichtbar macht, ohne dass er jedes Mal neu erhoben werden muss. Der Projektstrukturplan leistet das und lässt sich auch in agilen Projekten einsetzen.
4. Die Projektleitung hat keine Zeit zu führen
In sehr vielen Projekten führt die Projektleitung mehrere Projekte parallel, hat daneben Tagesgeschäft – oder übernimmt zusätzlich fachliche Aufgaben im eigenen Projekt. Was dann als Erstes wegfällt, ist die organisatorische Arbeit: Planung, Steuerung, Nachhalten. Also genau das, was die Ursachen 1 bis 3 verhindern würde.
Das ist der Punkt, an dem die vier Ursachen zusammenlaufen. Eine überlastete Projektleitung kann Ziele nicht schärfen, das Vorgehen nicht anpassen und die Schieflage nicht erkennen – nicht aus Unvermögen, sondern aus Zeitmangel.
Was hilft: Fachliche Aufgaben so weit wie möglich an Projektmitarbeitende delegieren und die eigene Zeit auf die organisatorischen Aufgaben konzentrieren. Wenn das strukturell nicht geht, ist die Projektlast selbst das Thema – nicht die Person.
Frühwarnsignale: Woran du es rechtzeitig merkst
Diese Signale treten typischerweise auf, bevor Kennzahlen ausschlagen:
- Meilensteine werden wiederholt verschoben, jeweils „nur um eine Woche".
- Dieselbe Frage wird in mehreren Terminen diskutiert, ohne entschieden zu werden.
- Die Kommunikation im Team wird knapper und formeller.
- Beteiligte auf Auftraggeberseite erscheinen seltener zu Abstimmungen.
- Umgehungslösungen häufen sich, weil der offizielle Weg zu langsam ist.
Wenn mehrere davon gleichzeitig auftreten, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die vier Ursachen oben – und zwar bevor der nächste Statusbericht geschrieben wird.
Fazit: Warum scheitern Projekte?
In den allermeisten Fällen, weil die Ziele nicht klar sind oder das Vorgehensmodell nicht zum Projekt passt – häufig aus beiden Gründen zugleich. Unklare Ziele machen die Wahl des Vorgehensmodells unmöglich, das falsche Modell verdeckt wiederum, dass die Ziele unklar sind. Dazu kommen Konflikte im Team, die oft eher Symptom als Ursache sind.
Für solche Projekte hat sich ein zweistufiges Vorgehen bewährt: erst den Projektrahmen und die Ziele herausarbeiten – dafür eignen sich Lean Startup oder Design Thinking – und erst dann auf eine konkrete Projektmanagement-Methode umstellen, etwa Scrum für Projekte oder Kanban.
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- Buch: Agiles Projektmanagement und Scrum – Praxishandbuch Agiles Arbeiten
Häufige Fragen
Was sind die häufigsten Ursachen für das Scheitern von Projekten?
Wie erkennt man frühzeitig, dass ein Projekt in Gefahr ist?
Kann man ein Projekt retten, das kurz vor dem Scheitern steht?
Woran erkenne ich, dass mein Projekt das falsche Vorgehensmodell nutzt?
Eignet sich Scrum als Projektmanagement-Methode?
Was tun, wenn die Projektleitung keine Zeit für das Projekt hat?
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