Das Jahresende lädt uns ein, Bilanz zu ziehen. Zwischen Reportings, Budgetplanung und letzten Meetings geht jedoch dabei oft verloren, worum es wirklich geht: innehalten, auswerten, lernen.
Im Projektkontext ist der Rückblick oft Routine. Teams führen regelmäßig Retrospektiven durch. Sie reflektieren, was im letzten Sprint gut lief, was weniger gut war, und welche Maßnahmen sie mitnehmen.
Doch was Teams so selbstverständlich praktizieren, lassen viele Führungskräfte für sich selbst ausfallen. Dabei gilt: Wer sich selbst nicht führt, kann auch kein Team wirksam führen.
Warum Reflexion kein Luxus ist
Reflexion ist kein nettes Extra für ruhige Phasen, sondern eine Kernkompetenz moderner Führung. Sie hilft, Muster zu erkennen, Entscheidungen bewusster zu treffen und die eigene Wirkung besser einzuschätzen. Führungskräfte, die regelmäßig reflektieren, reduzieren den Abstand zwischen Selbst- und Fremdbild und verbessern damit Motivation, Vertrauen und Teamklima.
Trotzdem wird Selbstreflexion oft verdrängt. Der Kalender ist voll, der Kopf überfüllt.
Doch gerade in diesem Zustand entfaltet sie ihren größten Nutzen: Sie schafft Raum für Perspektive und für Klarheit, bevor das nächste Jahr mit neuen Projekten und Erwartungen startet.
Was Führungskräfte von Retrospektiven lernen können
In der agilen Arbeitswelt sind Retrospektiven feste Ankerpunkte.
Sie bieten Teams einen strukturierten Rahmen, um Vergangenes zu verstehen und zukünftiges Handeln zu verbessern.
Dabei geht es nicht um Schuld oder Bewertung, sondern um Erkenntnis und Entwicklung.
Eine klassische Retrospektive folgt dabei fünf Schritten:
- Check-in: Wie geht es den Beteiligten? Was ist seit dem letzten Mal passiert?
- Was war nicht gut? Offen über Fehler, Reibung oder Herausforderungen sprechen.
- Team-Übung: Durch ein kurzes Spiel oder Perspektivwechsel das Miteinander stärken.
- Was war gut? Bewusst machen, was funktioniert – und warum.
- Aktionsplan aktualisieren: Konkrete nächste Schritte und Verantwortlichkeiten festlegen.
Diese Struktur lässt sich erstaunlich leicht auf die eigene Jahresreflexion übertragen – nur dass das „Team“ diesmal du selbst bist.
Die Retrospektive mit dir selbst
Nimm dir einmal im Jahr Zeit für deine persönliche Retrospektive – am besten noch bevor du neue Ziele formulierst.
Sie kann in einem Café, auf einem Spaziergang oder mit einem Notizbuch am Schreibtisch stattfinden. Entscheidend ist nicht die Umgebung, sondern die Ehrlichkeit.
Schritt 1: Check-in
Wie geht es dir – beruflich, mental, körperlich?
Welche Ereignisse haben dich in diesem Jahr besonders beschäftigt oder geprägt? Blick ruhig auf Zahlen und Projekte, aber auch auf dein Wohlbefinden.
Schritt 2: Was war nicht gut?
Welche Situationen haben Kraft gekostet?
Wo bist du deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden und warum?
Selbstkritik ist hier erlaubt, aber kein Selbstvorwurf. Ziel ist, aus Mustern zu lernen, nicht sie zu bestrafen.
Schritt 3: Perspektivwechsel
Frag dich: Wie haben andere mich in diesem Jahr als Kollege/Kollegin, Chef oder Partner:in erlebt?
Dieser gedankliche Perspektivwechsel hilft, das eigene Verhalten objektiver zu sehen.
Schritt 4: Was war gut?
Welche Entscheidungen haben sich ausgezahlt?
Was hat dir Energie gegeben?
Und worauf bist du stolz (selbst wenn es niemand sonst bemerkt hat)?
Gerade diese Frage ist für viele ungewohnt. Doch wer nur auf Defizite schaut, übersieht die eigenen Ressourcen.
Schritt 5: Aktionsplan
Zieh aus deiner Reflexion klare Konsequenzen:
Was willst du im nächsten Jahr anders machen?
Womit hörst du auf und was willst du gezielt fortsetzen?
Schreib es auf. Formuliere zwei, maximal drei Maßnahmen und setze Termine.
Wie bei Team-Retrospektiven gilt: Eine Erkenntnis ohne Handlung bleibt nur Theorie.
Kleine Routinen, große Wirkung
Selbstreflexion funktioniert nicht nur am Jahresende.
Sie entfaltet ihre Kraft, wenn sie zur Gewohnheit wird – etwa in Form kurzer monatlicher Rückblicke oder durch Journaling.
Führung beginnt mit Selbstführung, und Selbstführung braucht regelmäßige Momente der inneren Bestandsaufnahme.
Das kann so einfach sein wie drei Fragen am Freitagabend:
- Was war diese Woche mein größter Lernmoment?
- Was möchte ich beibehalten?
- Was lasse ich los?
So entsteht mit der Zeit eine Haltung: nicht rückwärtsgewandt, sondern wachsam gegenüber sich selbst.
Häufige Fragen zur Selbstreflexion
Ist Selbstreflexion nicht einfach Grübeln mit hübschem Namen?
Nein. Grübeln dreht sich im Kreis, Reflexion sucht Richtung. Der Unterschied liegt im Ziel: Erkenntnis statt Endlosschleife.
Wie verhindere ich, dass die Reflexion zur Selbstkritikfalle wird?
Indem du sie mit Neugier statt mit Urteil betreibst. Sieh dich als Beobachterin deines Handelns, nicht als Richterin.
Wie halte ich das langfristig durch?
Plane deine Reflexion wie jedes Meeting – mit Termin, Agenda und Nachverfolgung. Führung ist Arbeit am System, und du bist ein Teil davon.
Wie lange sollte eine Jahresreflexion dauern?
Zwischen 30 und 90 Minuten reichen meist aus. Entscheidend ist nicht die Länge, sondern die Klarheit, die du gewinnst.
Was mache ich, wenn mir das Reflektieren schwerfällt?
Starte mit kleinen Routinen wie drei kurzen Wochenfragen. So wächst Reflexionskompetenz mit der Zeit.
Sollte ich meine Reflexion schriftlich festhalten?
Ja, denn Schriftlichkeit schafft Struktur, Verbindlichkeit und macht Muster leichter erkennbar.



